Persönliches

Wanderin zwischen den Welten

Hier möchte ich meine ganz persönliche Geschichte erzählen, insbesondere für Menschen, die sich weniger für Modelle und Beweisführungen als für Erfahrungswerte interessieren. 

Über 40 Jahre Reisen und Feldforschungen führten mich zu den unterschiedlichsten Völkern – auf der Suche nach dem gemeinsamen Nenner unseres geistigen Weltkulturerbes.


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Niemandsland

Mit 17 veränderte sich mein Leben von einem Tag auf den anderen, als mein Verlobter bei einem Unfall ums Leben kam. Schlimmeres konnte nicht passieren. Es riss mir den Boden unter den Füßen weg. Die Wände meiner kleinen, scheinbar so sicheren Welt krachten in sich zusammen und mit ihnen eine ganze Lebensvision. Erst sehr viel später wurde mir bewusst, dass mit diesem Ereignis meine „Heldenreise“, mein Weg der Selbstrealisation begonnen hatte.
Nach dem Abitur entschloss ich mich zum Ethnologie-Studium und zog in die Welt. Ich wollte ES finden: Den Sinn in all dem Unsinn. Die Ordnung im Chaos. Das Heile inmitten der Verletzlichkeit.
Anfangs war es nicht leicht. Im Leben da draußen, außerhalb des festen Gebäudes der eigenen Kultur, erwiesen sich viele meiner anerzogenen Überzeugungen und Verhaltensmuster als Fesseln oder sogar als gänzlich unbrauchbar. Sie wollten gesprengt werden. In regelmäßigen Abständen fand ich mich im Niemandsland wieder – Leere, Nichtwissen, Ohnmacht, … – und stand vor der Frage: Wie soll es weitergehen?
Es ging weiter. „Das Typische am Leben ist, dass es immer weitergeht“, lautet noch heute mein Lieblingsspruch, wenn ich Andere durch Ängste oder Phasen der Hilflosigkeit begleite.


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„Das Typische am Leben ist, dass es immer weitergeht.“

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Die andere Seite der Wirklichkeit

Mein Weg führte quer über die Kontinente. In meinen Feldforschungen lernte ich nicht nur die oft gnadenlosen Herausforderungen der äußeren Natur kennen, Hungersnöte, Naturkatastrophen, Krankheiten, körperliche Anstrengung, Hitze und Kälte…; vor allem lernte ich ihre inneren Gesetze kennen.
Aber auch die andere, intakte Seite durfte ich sehen. Damals waren indigene Kulturen noch wirkliche Naturvölker, denen es im Leben um völlig anderes ging als uns Westlern. Ihr hauptsächliches Anliegen war es, der Ordnung des Kosmos, symbolisiert durch die Götter, gehorchen zu können.
Zutiefst beeindruckt war ich von ihren Ritualen und ihrer Mythologie, aus denen sie in jeder Lebenslage konstruktive Lösungen bezogen.

In Afrika waren es die Allgegenwart der Ahnen und die außergewöhnlichen Bestattungsriten und Totenfeste, die mich in den Bann zogen – die Art und Weise, wie die Verstorbenen sozial integriert waren und über die Traumsprache mit den Lebenden kommunizierten. Entkoppelt von den Dramen und Verstrickungen des physischen Lebens – und daher unparteiisch und unbestechlich – gelten die Ahnen als Hüter der Weisheit, sie sind die besten inneren Berater. Das Jenseits ist bei Stammesgesellschaften nicht abgeschnitten von der Realität. Es stellt schlicht und einfach die unsichtbare Seite der Wirklichkeit, das Dahinter oder Dazwischen, dar.


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Wildes Denken

Es folgten Studien über die Indianer Nord- und Mittelamerikas und intensive Feldforschungs-Aufenthalte bei den Huichol-Indianern der Sierra Madre, Mexiko. Die Huichol sind bekannt für den Peyote-Kult, der im Zentrum ihrer Kultur steht.

Peyote ist ein halluzinogener Kaktus. Doch nicht des Rausches wegen wird er eingenommen, er findet ausschließlich im Rahmen der religiösen Rituale Verwendung. Seine psychotropen Eigenschaften erlauben Einblicke in die Beschaffenheit des inneren Universums. Sie lassen den Menschen „das Leben sehen“ und daher „sein Leben finden“.

Hier schrieb ich meine Magisterarbeit über die postmortalen Vorstellungen der Huichol und schließlich auch meine Dissertation über Symbolik und Weltanschauung des Stammes.
Die beiden Arbeiten legten den Grundstein für mein Wagnis, das „wilde Denken“, eine Theorie des französischen Ethnologen Claude Lévi-Strauss in den Bereich der Bewusstseinsarbeit zu übertragen.

Wahrscheinlich würde Lévi-Strauss seine eigene Theorie nicht wiedererkennen; angesichts meiner Hypothese etwa, beide Denkarten, das rationale und das wilde, seien komplementär in jedem Menschen angelegt: als männliches und weibliches Denken, Außendenken und Innendenken.

Doch bin ich mir heute, nach vielen Jahren der Praxis, ziemlich sicher: Wollen wir Menschen das gesamte Spektrum des Bewusstseins entfalten und wirkliche Kreativität erlangen, brauchen wir vor allem das wilde Denken. Denn das wilde Denken transzendiert das rationale. Während das Rationale in Gegensatzpaaren operiert und trennt, denkt das Wilde in Analogien – wie oben so unten, wie bei dir so bei mir, … – wodurch es Verbindung zwischen den Polen schafft und das Gemeinsame hervorbringt.

Einheit oder Ganzheit zu denken ist über den rationalen Verstand also gar nicht möglich. Er ist schlicht und einfach nicht dafür angelegt.


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Weisheit ist Medizin

Dann kam Asien. Hier gingen meine Forschungen bereits über das Ethnologische hinaus ins Religionsphilosophische.
In Ladakh beschäftigte ich mich eingehend mit dem tibetischen Buddhismus und seinen „Fahrzeugen“ zur Selbstrealisation – Dzogchen und Vajrayana.

Eine Zeitlang lebte ich unter den Fittichen meines Freundes Lobsang Samten in der tibetischen Universitäts-Kolonie Mundgod. Die indische Regierung hatte den Refugees, zu denen der Dalai Lama selbst sowie der größte Teil der religiösen Elite des ehemaligen Tibet gehört, dieses Land im indischen Staat Karnataka zur Verfügung gestellt. Geshe-la ist heute hoher Würdenträger und enger Freund des Dalai Lama. Damals war er noch Student. Ich brachte ihn zum ersten Mal in die Kongress-Landschaft des Westens, wo er heute regelmäßig Unterweisungen gibt.
In Südindien schließlich praktizierte ich Raja-Yoga, das Yoga des Geistes und studierte Hinduismus und Vedanta.

Stets richtete ich auch ein Auge auf die mit den Lehren verbundenen Medizinsysteme, wie das Ayurveda oder sowa rigpa, die tibetische Kunst des Heilens. Mit Ausnahme der westlichen Schulmedizin bildeten Weisheit und Heilkunde in allen Traditionen eine unlösbare Einheit. Das sollte uns zu denken geben.


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Durchbruch zum Einfachen

Im Unterschied zu den Religionen der Stammesgesellschaften finden wir in den Hochreligionen eine starke Spezialisierung und Institutionalisierung.
Aus diesem Grund zog es mich immer wieder zur Einfachheit der indigenen Völker zurück. Nirgends sonst konnte ich die Grundstruktur des Innenraums sowie des Weges nach innen klarer sehen. Hier hatte ich es mit Essentiellem zu tun, den natürlichen Prinzipien. Natur und Kultur befanden sich hier noch in völligem Einklang. Der Respekt vor einer kosmischen Intelligenz war noch etwas Selbstverständliches. Man empfand diese nicht als etwas außerhalb des Menschen Stehendes, sondern als die in allem enthaltene innere Ordnungsdynamik, die heilt und durch die Wirren des Lebens lenkt.

Konzepte neigen dazu sich zu verselbständigen, wenn man die Masse aufgenommener Informationen nicht mehr verdauen und deshalb keinen persönlichen Bezug mehr zu den Inhalten herstellen kann. Dann bleibt Wissen außen vor. Man kann sich in Gelehrsamkeit ebenso gut verlieren, wie man sich in einer starren Ritualistik verlieren kann, die zum Selbstzweck geworden ist.
Vergiss alles, was du zu wissen glaubst, heißt es dann. Im Buddhismus hatte ich die Wichtigkeit des Loslassens und Leer-Werdens gelernt. Die Gefahr ist groß, an von Menschen geschmiedeten Modellen und Ideologien kleben zu bleiben, noch bevor man das Flüstern der Wahrheit in sich selbst vernommen hat. Orientierung kommt von innen, aus der eigenen Mitte. Aus der Weisheit des Herzens, diesem All-eins-Sein, das sich anfühlt wie: ganz bei mir und gleichzeitig verbunden mit allem.

In dieser Zeit beendete ich mein Studium, das immerhin 13 Jahre gedauert hatte, wurde sesshaft und begann meine Erfahrung in Kursen zu teilen. Und – gründete eine Familie. 1989 kam meine Tochter Elena zur Welt. Ich war glücklich.


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In wachsenden Ringen

Doch nach 11 Jahren zerbrach meine Ehe. Zur gleichen Zeit verlor ich mein Vermögen durch einen Anlagebetrug. Wieder stand ich vor dem Nichts. Wie konnte das passieren mit all dem grandiosen spirituellen Rüstzeug in der Tasche?
Eben das ist die große Illusion: die Meinung, einmal Erreichtes oder Erworbenes für immer festhalten zu können. Was ich vor Jahren über die Unmöglichkeit des Festhaltens an der materiellen Wirklichkeit erkannt hatte, gilt genauso für das Seelische. Wer unter geistigem Wachstum die Gewährleistung eines Dauerregens an Friede, Freude, Eierkuchen versteht, liegt nur bedingt richtig. Meisterschaft bedeutet, sich dem Leben zu stellen und immer wieder von neuem den Bogen zum Konstruktiven zu schaffen.

Ich schrieb mein erstes populärwissenschaftliches Buch, amo ergo sum – ich liebe, also bin ich, das gleich ein Bestseller wurde und konzipierte die Ausbildung zum Consultant for Interconnective Development. Parallel dazu nahm ich meine Forschung wieder auf.
Inzwischen hatte sich der Tsunami der westlichen Zivilisation bis in die hintersten Winkel der Erde gewälzt. Ferntourismus, Technologie, Konsum und Geld waren auf den Plan getreten und öffneten sowohl dem Kapitalismus als auch dem westlichen Schulsystem die Tür. Eroberung und Kolonialisierung kannten die Indigenen bereits. Was nun kam, war schleichender, subtil verborgen unter dem Deckmantel des Fortschritts. Der Angriff erwischte sie von hinten.

Heute engagiere ich mich auf beiden Seiten. Auf Seiten der letzten indigenen Völker  für die Bewahrung ihrer Rechte und ihrer kulturellen Identität. Und natürlich auf der Zivilisations-Seite. Es ist mir ein großes Anliegen unserer eigenen Kultur konstruktive Alternativen zu bieten.
Mein Engagement ist nicht politisch. Ich glaube nicht an eine Politik ohne Weisheit. Ich halte es auch hier mit den inneren Traditionen, die einstimmig sagen: „In Zeiten von Krisen, Konflikten und Kriegen, bei allen Arten von Problemen, vor jeder Entscheidung – suche die Lösung nicht im Außen. Du wirst nur Schubladen finden. Befrage dein Herz, das immer zum Wohl des Ganzen spricht. Dann erst handle.“

Es geht um die richtige Reihenfolge: Intuition vor Intellekt. Innenwissen vor Außenwissen. Orientierungswissen vor Zweckwissen. Ethik vor Profit.
Im Westen haben wir die umgekehrte Richtung eingeschlagen und dabei „den Diener zum Herrn gemacht“, wie Albert Einstein es formulierte. Wir haben uns von der inneren Führung getrennt und machen es uns deshalb unnötig schwer. Wir sind Sklaven des Komplizierten geworden, wo alles so einfach sein könnte.

Die Spielanleitung für ein Leben im Einklang mit der impliziten Ordnung des Ganzen, die ich nach vielen Jahren aus Mythen, Schriften und ursprünglichen Gesellschaftsentwürfen herauslesen konnte, gilt für das Große wie für das Kleine. Für das Kollektive wie für das Individuelle. Für den Makrokosmos wie für den Mikrokosmos. Für die Vergangenheit wie für das Heute und die Zukunft. Sie trifft auf den persönlichen Lebensweg jedes Einzelnen ebenso zu wie auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Prozesse. Ja, sie steht für den Vorgang des Denkens selbst. Diese Spielanleitung folgt einem Universellen Prozess, dem Prozess des Lebendigen.

Einer solchen Entdeckung fühle ich mich verpflichtet. In der Zwischenzeit ist ein Ansatz daraus geworden, eine Lebensphilosophie. Doch handelt es sich dabei nicht um ein Konstrukt. Es handelt sich um eine Wesensschau.


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„Jeder Mensch, jede Kultur ist einzigartig. Jede Kultur ist eine Antwort auf eine bestimmte Herausforderung der Welt an den Menschen. Im Kern aber sind
sie alle eins. Im Kern sind WIR alle eins.“