New Anthropology

Die neue Wissenschaft des Menschen

 

In Deutschland wird Ethnologie auch als “Völkerkunde” bezeichnet, während man in Amerika von “cultural anthropology” oder im weitesten Sinne von “anthropology”, der Wissenschaft des Menschen in Vergangenheit und Zukunft spricht.

Um die gesamte Bandbreite und Komplexität aller Menschheitskulturen verstehen zu können, hat die Anthropologie ihre Standbeine seit langem sowohl in den Sozial- und Kulturwissenschaften als auch in den Naturwissenschaften etabliert. Schon von ihrem Wesen her ist sie interdiziplinär. Während sich die klassische Ethnologie aber vorwiegend mit dem Beschreiben und Verstehen anderer Kulturen beschäftigte – und die Ergebnisse dann an den Universitäten lehrte –, und nachdem heute die Weltkulturen weitestgehend erforscht sind, richtet sich die Anthroplogie ganz neu aus. Und zwar nach zwei Seiten: zum einen sucht sie vermehrt nach “Cultural Universals” – nach gesellschaftlichen, psychologischen, religiösen, kognitiven und sprachlichen Elementen, Strukturen und Mustern, die allen Kulturen gemeinsam sind. Die Gesamtheit der Cultural Universals gibt nämlich Aufschluss über die Conditio humana – die Natur des Menschen oder die Bedingung des Menschseins.
Zum anderen ist sie eine angewandte und engagierte Anthropologie (Applied Anthropology) mit dem zentralen Anliegen, das Wissen der Menschheit auf die Lösung menschlicher Probleme anzuwenden. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf Themen, die mit Globalisierung, Menschenrechten, neuen Programmen für Bildung und Gesundheit, sozialer Gerechtigkeit, Schonung der natürlichen Ressourcen, dem Schutz der letzten indigenen Kulturen und der Integration ethnischer Minderheiten in Zusammenhang stehen.

 

Studium der Menschheit

Das  Studium der Menschheit erfordert Respekt vor der Diversität von Individuen, Kulturen, Gesellschaften und Wissens-Systemen. Anthropologen brauchen einen tragenden und professionellen – unerschütterlichen – ethischen Codex, einen Tigermind, sonst ist ihre Arbeit wertlos. Daher ist wohl keine Disziplin besser geeignet, Gegensätze zu vereinen als die neue Anthropologie. Ich gehe davon aus, dass sie in der Wissenschaft von morgen nicht nur eine generelle Grundlagenfunktion einnehmen, sondern auch Brückenbauer zwischen den Disziplinen sein wird; ähnlich der humanistischen Idee eines Studiums generale, einer umfassenden Allgemeinbildung – mit der Aufgabe, der Fülle des spezialisierten Zweckwissens ein universales Orientierungswissen zur Seite zu stellen. “Unity in Diversity” könnte sich die neue Anthropologie als Claim auf die Fahne schreiben.  

Bei immer komplexer werdenden Fragestellungen benötigt die heutige Welt – und erst recht die zukünftige – die Fähigkeit, aus der Vielfalt der Informationen blitzschnell synthetisieren zu können: wildes Denken. Angesichts des ständigen brutalen Aufeinanderprallens gegensätzlicher Einstellungen, Meinungen und Überzeugungen nimmt auch die Fähigkeit zu vermitteln einen immer höheren Stellenwert ein: “Mediation statt Krieg.”  Wandlungs- und Erneuerungskompetenz gesellt sich zur klassischen wissenschaftlichen Doktrin. Anthropologen als Beobachter und Zeugen der Conditio humana sind deshalb nicht mehr nur Spezialisten bestimmter Völker, sondern mehr noch öffentliche Fürsprecher für eine neue Qualität des In-der-Welt-Seins; ihre Arbeit richtet sich an ein breites Publikum. Früher war die Ethnologie eine Luxus-Wissenschaft. Heute widmet sie sich mehr und mehr dem “normalen” Menschen. Sie motiviert ihn, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und Wandlung zu wagen.

Blickt man zurück auf die Anfänge der Ethnologie während der Kolonialzeit, als man die entdeckten Völker als ”Primitive” betrachtete und Phänome wie Schamanismus noch als Krankheit einstufte (“Arktische Hysterie”) – was hat sich da nicht alles getan!  Und doch: Wieviel Unrecht, Überheblichkeit und Ausbeutung gibt es gerade heute gegenüber den letzten dieser Völker. Weil sie meist auf Bodenschätzen sitzen, wertvolles Weideland oder Naturparadiese besiedeln und im Regenwald zu Hause sind.

Die neuen Anthropologen sind dafür prädestiniert, den Ungerechtigkeiten der Welt den Kampf anzusagen und einen konstruktiven Wandel einleiten zu helfen. Ihre Kompetenzen sind unschätzbar, wenn es um globale Werte, gesellschaftliche Innovationen und ganz generell um Bewusstseinswandel geht. Zu Hause auf beiden Seiten – den Kulturen, die sie erforschen wie auch der eigenen Kultur, welche sie aus der Perspektive des Anderen viel klarer wahrnehmen können – sind sie nicht nur Wanderer und Vermittler zwischen den Welten, sondern auch aktive Neuerer auf beiden Seiten.

 

Der Universelle Prozess
als Essenz der Weltkulturen

Die Essenz unseres Weltkulturerbes, wie sie durch den Universellen Prozess bereitgestellt wird, läßt die Arbeit des Anthropologen noch wesentlich stringenter werden, indem sie eine weitere Perspektive aufzeigt: Während die Conditio humana den umfassenden Rahmen darstellt, bildet der Universelle Prozess sozusagen das Zentrum des Kreises. In ihm vereinen sich alle Cultural Universals. Er ist die Wurzel, die gemeinsame Quelle von innerer Natur und äußerer Kultur und somit das verbindende Element schlechthin. Als solches bietet er eine prozessorientierte Vorgabe, die mit untrüglicher Sicherheit durch Transformations- und Kommunikations-Prozesse aller Art führen kann. Dabei liefert er keine fertigen Lösungen, sondern zeigt den Weg der Lösungsfindung auf. Und zwar aus dem Nichts (!) – anders als konstruierte Entwicklungsspiralen und Stufenleitern. Meist kommt etwas völlig Unerwartetes heraus. Wie auch immer, am Ende steht etwas “Gutes” –  für alle Beteiligten. Oder der Prozess ist noch nicht zu Ende.

 


 

 

 

 

 

 

 

„Bei immer komplexer werdenden Fragestellungen benötigt die heutige Welt – und erst recht die zukünftige – die Fähigkeit, aus der Vielfalt der Informationen blitzschnell synthetisieren zu können: wildes Denken.“

 

 hand-mandala-Original

Mandala: Jeppe Dyrendom Graugaard/dark-mountain.net

 

 

 

 

Als ein Hopi-Ältester gefragt wurde, was kommen werde, klatschte er in die Hände, lachte und sagte:

„Dies kann eine gute Zeit werden!
Der Fluss fließt jetzt sehr schnell. Er ist so mächtig, dass da einige von Euch Angst bekommen. Sie werden versuchen, sich am Ufer festzuhalten. Sie werden den Sog spüren und feststellen, wie sie mitgerissen werden und sie werden sehr leiden. Wisset, dass der Fluss einer Bestimmung folgt. Die Alten sagen, dass wir das Ufer verlassen müssen, uns in die Mitte des Flusses stoßen, unsere Augen offen halten und den Kopf über Wasser halten müssen. Und ich sage, schau wer mit dir ist und feiere!
In diesem Augenblick der Geschichte dürfen wir nichts persönlich nehmen. Am wenigsten uns selbst. Denn sobald wir dies täten, käme unser spirituelles Wachstum und unsere Reise zum Stilstand. Die Zeit des einsamen Wolfes ist vorbei. Kommt zusammen.
Verbannt das Wort Kampf aus eurer Haltung und eurem Wortschatz. Alles, was wir jetzt tun, soll auf eine heilige Art und in Freude geschehen. Wir sind diejenigen, auf die wir gewartet haben!“